Regie: Paul Greengrass
Darsteller: J.J. Johnson, Gary Commock, Polly Adams, u.a.
Sei gegrüßt werter Leser und willkommen zur Empfehlung der Woche. Als ich den Job für diese Seite angenommen habe verpflichtete ich mich jede Woche einen Film zum Thema zu finden und damit einen gewissen Beitrag zu leisten. Bei den ersten Themen war das auch noch richtig einfach. Diese Woche haben wir aber Afghanistaneinsatz Teil 3 und anstelle eines einzelnen Themas haben wir viele verschiedene die da als Möglichkeit in Frage kommen.
Wo also soll man ansetzen? In den letzten Wochen hatten wir den Drachenläufer und den Krieg des Charlie Wilson welche man beide sehr gut in das Thema Afghanistan und Krieg integrieren kann. Diese Woche kehren unsere tapferen Reporter aber zurück nach Hause und Afghanistan ist nur noch eine Erinnerung mit einem bitteren Nachgeschmack des Krieges und der Gewalt von Friendly Fire. Ich fragte mich also welchen Film man anbringen könnte. Welcher Film würde zur Episode passen? Als Vorbote für den Krieg in Afghanistan und auch als Vorbote für alles was bei Contrasehen noch kommen möge bot sich bei längerem Nachdenken aber ein Film der letzten Jahre an. Flug 93 (2006) von Regisseur Paul Greengrass (Die Bourne Verschwörung (2004) , Das Bourne Ultimatum (2007)) ist ein Film über das Flugzeug welches am 11. September zwar entführt aber in kein Gebäude gesteuert wurde. Tragischerweise nützte den Passagieren dieser Umstand wenig da die Maschine nahe Shanksville, Pennsylvania auf einem Feld abstürzte. Die Geschehnisse vor dem Absturz wurden durch Zeugenaussagen und andere gesammelte Daten weitgehend rekonstruiert und es stellte sich heraus dass wohl ein Großteil der Passagiere versucht hatte das Flugzeug wieder unter seine Kontrolle zu bringen. Dieser Kampf ist auch Teil des Films und wurde packend und dramatisch in Szene gesetzt.
Dabei setzt Greengrass nicht auf reißerische Effekte oder Überdramatisierung. Auch zu einseitige Schwarz/Weiß Darstellung wird vermieden. Zwar sind die Bad Guys der Geschichte mit Sicherheit die Terroristen aber der Film verzichtet auf eine unnötige Dämonisierung dieser Menschen. Es wird geschildert was sich zugetragen hat oder zumindest das wovon man sicher ist dass es sich zugetragen hat. Klar sind Tatsachen der Entführung und die Bedrohung der Mannschaft und der Passagiere. Wie sonst hätte all dies passieren können? Es ist geradezu unmöglich für ein paar einzelne Männer ein Flugzeug unter ihre Kontrolle zu bringen ohne entsprechende Druckmittel. Der Film bringt alles auf einen einzigen traurigen Punkt. Mit einem fast schon quälenden Realismus wird da ein Stück neuzeitlicher Geschichte umgesetzt und ich denke mir dass besonders in den USA so mancher Kinogast in Tränen ausbrach angesichts der Dinge die da gezeigt werden.
Für den besonderen Realismus setzte man auf verschiedene Mittel. Zum einen gestaltete man die Bilder des Films sehr natürlich. Alles wirkt wenig stilisiert, beinahe wie eine Dokumentation und eigentlich ist der Film ja auch eine. Dazu tragen auch viele Details bei wie echte US Militär und FAA Fluglotsen im Film. Davon waren einige auch im Dienst am 11. September. Auch halfen viele Angehörige der Passagiere beim Puzzlespiel der Rekonstruktion indem sie Infos über ihre Liebsten weitergaben. Dazu gehörte die Art der Kleidung, welches Buch sie wohl gelesen haben könnten bis hin zur Musik auf ihrem Mp3 Player. Bei der Anstecknadel von Trish Gates welche Sandra Bradshaw im Film darstellt handelt es sich sogar um ein Original. Sie wurde von Phil Bradshaw, dem Mann der Verstorbenen, gestiftet um die Uniform seiner Frau einfacher nachbilden zu können. Eine große Verantwortung all diese Details mit Respekt und einer gewissen Hingabe auf die große Leinwand zu übertragen. Die Crew des Flug 93 wurde außerdem vollständig von realen Piloten und Flugbegleitern dargestellt. Einige davon (so auch Trish Gates) sogar im Dienst bei United Airlines, der Fluglinie welcher der Flug 93 angehörte.
Man achtete auch darauf die Darsteller der Crew und der Passagiere getrennt von den Darstellern der Entführer unterzubringen. Das Ziel dabei war die Schauspieler beim Dreh besser in die Gruppen Protagonisten und Antagonisten trennen zu können. Für die Psychologie und das Spiel der Schauspieler eine durchaus hilfreiche Sache da eine gewisse Distanz zu anderen Menschen immer auch Angst und Misstrauen fördert. In diesem Fall zwar logischerweise unnötig aber dennoch hilfreich für eine überzeugende Darstellung.
Nur einer der vielen Tricks die ein Regisseur benutzen kann um die richtige Stimmung in Schauspielern zu erreichen.
Wie sehr die junge Geschichte die USA bewegt und beeinflusst musste auch Lewis Alsamari erkennen. Der in London lebende Iraker durfte nicht zur Premiere des Films nach New York einreisen. Er spielt den Anführer der Entführer. Als Grund für die Ablehnung wurde seine Mitgliedschaft in der irakischen Armee genannt aus welcher er aber bereits 1993 desertiert war.
Der Film ist etwas Besonderes und mehr als sehenswert auch wenn die Vorlage alles andere als gute Unterhaltung verspricht. Vielmehr ist Flug 93 eine Reise der etwas anderen Art. Nicht erfreulich oder gar erholsam. Es ist Geschichte und zugleich Gegenwart wenn man bedenkt wie tief die Wunde dieses Tages ins Fleisch unserer Gesellschaft geschnitten wurde. Zart besaitete Gemüter könnten mit den Tränen kämpfen und andere Menschen, so wie ich, dürften zumindest mit einem unguten Gefühl das Kino oder das Sofa zu Hause verlassen.
Warum aber sich quälen und dieses Drama ansehen? Es tut doch weh diese Tragödie immer wieder erleben zu müssen und so viele andere Filme entlassen einen wenigsten mit einem Lächeln.
Nun das mag sein aber so viele andere Filme entsprechen auch nicht der Realität. Einer Realität der wir uns ab und an stellen müssen um nicht irgendwann wieder ungläubig vor dem Fernseher sitzen zu müssen wenn tatsächlich wieder ein Terroranschlag die Welt erschüttert. Die Vergangenheit zu verdrängen verdammt uns sie zu wiederholen. Sorgen wir dafür dass dies nie wieder passiert. Nicht durch Gewalt sondern durch das Streben für eine bessere Welt. Bezahlen wir nicht durch Angst für unsere Freiheit! Was für eine Freiheit ist es überhaupt wenn man Angst hat? Ändern wir etwas Grundsätzliches! Wir könnten zum Beispiel all das Geld was wir jährlich für Militär und andere ähnliche Dinge ausgeben in die Versorgung der Armen und Benachteiligten dieser Welt stecken. So sah das auch der große Bill Hicks. Wir könnten gemeinsam leben und in Frieden existieren. Na und dafür lohnt sich doch der Aufwand oder? Ich bin mir sicher … aber was weiß ich schon?
Danke für ihre Aufmerksamkeit werter Leser und bis nächste Woche !
Ihr Jan Lehmann (IV)