Jan’s Filmtipp - Drachenläufer (2007)

Regie: Marc Forster
Darsteller: Khalid Abdalla, Shaun Toub, Atossa Leoni, u.a.

Ich grüße euch ihr werten Leser zur neuen Contrasehen Woche. Diesen Donnerstag begehen wir mit einer Episode über eine Afghanistanreise und spontan fallen mir zu diesem Land zwei Filme ein. Drachenläufer (2007) und Der Krieg des Charlie Wilson (2007) spielen beide in diesem Land und beschäftigen sich mal mehr und mal weniger mit dessen Problemen. Während Drachenläufer aber mehr auf persöhnliche Probleme setzt geht man bei Charlie Wilson dafür wenig subtile Wege um diese zu lösen. Allerdings beziehe ich mich da eher auf den namensgebenden Krieg und dessen längerfristigen, internationalen Auswirkungen. Bei Drachenläufer geht es grob gesagt um die Rettung eines Menschen und bei Charlie Wilson um die Rettung eines Volkes. Beide Filme wären also durchaus geeignet aber nur ein Film soll es für diese Woche sein. So entschied ich mich letztenendes für Drachenläufer und hoffe sehr er wird einige Fans finden.

Der im Jahr 1969 in Ulm geborene Marc Forster (Monster’s Ball (2001), Stranger Than Fiction (2006)) ist ein Spezialist für große Gefühle und war auch Drachenläufer in seiner Arbeit alles andere als untätig. Nach einem Drehbuch von David Benioff (25th Hour (2002)), basierend auf dem Buch von Khaled Hosseini, inszenierte der kommende Bond Regisseur (Quantum of Solace (2008) wird aktuell gedreht) eine bittersüße Geschichte um zwei Jungs aus unterschiedlichen Gesellschaftsgruppen. Eine Geschichte um Freundschaft, Toleranz, Treue, Schuld, Sühne und eben um Drachen. Jedoch sind letztere eher an dünnen Schnüren am Himmel zu finden und zaubern farbige Akzente in den blauen Himmel.

Afghanistan in den 70er Jahren: Die beiden Jungen Amir (Zekiria Ebrahimi) und Hassan (Ahmad Khan Mahmoodzada) wachsen in Kabul auf und sind beste Freunde, obwohl beide verschiedenen Gesellschaftsschichten und Bevölkerungsgruppen angehören. Amir ist der Sohn eines reichen und angesehenen Paschtunen (Homayoun Ershadi), während Hassan der Minderheit der Hazara angehört und der Sohn des Hausdieners von Amirs Vater ist. Als Amir Hassan eines Tages im Stich lässt und deshalb von Schuldgefühlen geplagt wird, beginnt die Freundschaft der beiden zu bröckeln. Als schließlich die Sowjetarmee in Afghanistan einmarschiert, emigrieren Amir und sein Vater in die USA und beginnen dort ein neues Leben. Amir (jetzt Khalid Abdalla) studiert an der Universität, wird Schriftsteller und gründet schließlich eine eigene Familie. Nach knapp 20 Jahren in Amerika bekommt er eines Tages einen Telefonanruf, der ihn in seine fremd gewordene, mittlerweile von den Taliban regierte Heimat zurückführt … (Heute Ausnahmsweise eine Inhaltsangabe von OFDb User Shub)

Die Geschichte siedelt sich rund um die Ereignisse an welche die Welt nachhaltig veränderten. Der Krieg der Sowjetarmee gegen die Afghanen formte immerhin den von den USA unterstützten Widerstand und die Macht der Taliban hielt bis zum Schicksalhaften 11. September und erschuf den zweiten großen Krieg im Land gleich mit. Dieser Krieg hält bis heute an obwohl man eher von der Sicherung des Landes sprechen sollte als von klassichen Fronten in offenen und lang anhaltenden Kämpfen. Es ist aber dennoch so daß das Land nicht zur Ruhe kommt und das ist es nunmal was zählt. Die Innere Ruhe des Landes steht genauso für die Innere Ruhe der Hauptfigur denn ebenso gibt es in seinem Inneren nicht bewältigte Konflikte welche er lösen muss für seinen persöhnlichen Frieden. Seine Mission in der eigenen Heimat ist umso mehr ein wichtiges Symbol da es um ein verschwundenes Kind geht und Amir hofft durch dessen Unschuld auch sich selbst ein wenig Unschuld der Vergangenheit wiederzuholen, Vergebung zu finden durch das bewahren eines noch jungen Lebens.

Das ganze wird hierzu in wundervollen Bildern erzählt. Die Landschaft des Landes wird eindrucksvoll eingefangen und bietet eine tolle Kulisse. Dazu kommen die überzeugenden Darsteller bei denen es absolut glaubwürdig erscheint wenn sie in ihren Szenen agieren. Jede Geste sitzt und vermittelt die richtigen Emotionen. Probleme spielten sich dabei nur hinter den Kulissen ab. So versuchte z.B. die Familie von Ahmad Khan Mahmidzada die im Film vorhandene Vergewaltigungsszene aus der Schnittfassung entfernen zu lassen. Dies soll den Kinozuschauer aber nicht stören. Überhaupt soll nichts den Zuschauer an diesem Film stören. Vielmehr sollte sich der Zuschauer fallen und den Film auf sich wirken lassen. Eintauchen in diese tragische und dennoch auch schöne Welt die sich spätestens dann entfaltet wenn dutzende bunter Drachen den Himmel durchziehen. Eine wirklich wunderschöne Szene bei der sogar ein Film wie dieser zu Spezialeffekten greift um die Wirkung zu erhöhen. Zur Kontrolle der Drachen wurden diese nachträglich mit dem Computer eingefügt. Der Flug dieser bunten Kreationen geriet so beinahe Märchenhaft und setzt einen besonderen Punkt in einem auch sonst mehr als besonderen Film. Was also bleibt noch zu sagen? Es ist sicher nicht leicht den Film zu sehen da er auch ein Drama ist und damit eine Emotion transportiert die keinesfalls immer angenehm ist. Dies sollte aber kein Hindernis sein für einen trotzdem schönen Abend im Kino. Ich empfehle jedoch den Film auf jedenfall in Begleitung anzusehen da es gut sein kann daß man im Anschluss das Verlangen verspürt sich auszutauschen.

Sehen sie contra, sprechen sie contra und gehen sie mal wieder ins Kino. Wenn sie Glück haben und ihr Kino ein Gutes ist werden sie dort nämlich den Drachenläufer finden und damit ein Erlebnis welches sie im Gegensatz zu manch anderen Filmen nicht so schnell loslassen wird.